Karriere oder Ehrenamt?
Immer mehr Menschen möchten in der sogenannten nachberuflichen Phase noch einmal etwas Neues anfangen. Während früher die Alternative Verein oder soziales Engagement hieß, gibt es heute eine breite Palette an Angeboten, zwischen denen Interessierte wählen können. Ehrenamt und Bürgerschaftliches Engagement stehen dabei hoch im Kurs, aber immer mehr Menschen können sich heute auch vorstellen, eine zweite Karriere als Senior Experte oder Silver Worker zu starten.
In Deutschland sind etwa 23,4 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig. Nach dem zweiten Freiwilligensurvey 2006 engagieren sich davon in der Altersgruppe der 40 bis 59-Jährigen rund 40 Prozent ehrenamtlich. Der stärkste Anstieg ist mit sieben Prozent bei den 60- bis 69-Jährigen zu verzeichnen, aber auch bei den über 70-Jährigen sind immerhin noch rund 22 Prozent ehrenamtlich aktiv. Altersübergreifend erwarten Ehrenamtler vor allem, dass die Arbeit Spaß macht. Wenn sich dann noch interessante Kontakte ergeben, Neues dazu gelernt und der Erfahrungshorizont erweitert werden kann, sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein langfristiges Engagement erfüllt.
Freiwilligensurvey
Der Freiwilligensurvey wurde bereits zum zweiten Mal von dem Marktforschungsinstitut TNS (Bielefeld) im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt. Dafür wurde im Zeitraum von 1999 bis 2004 eine telefonische Befragung (CATI) unter rund ca. 15.000 zufällig ausgewählten, deutschsprachigen Personen ab 14 Jahren durchgeführt mit dem Ziel einer repräsentativen Erfassung des Freiwilligen Engagements in Deutschland. Internet: Familienwegweiser
Mit dem Alter wächst darüber hinaus der Wunsch, die Gesellschaft wenigstens im Kleinen nach den eigenen Vorstellungen und Wertmaßstäben aktiv mit gestalten zu können. Aber auch die Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und der Wunsch, eigene Erfahrungen an Jüngere weiterzugeben, ist bei den älteren Ehrenamtlern überdurchschnittlich ausgeprägt.
Projektarbeit statt Ehrenamt
Nach dem Freiwilligensurvey ist die Altersgruppe der über 60-Jährigen diejenige mit dem stärksten politisch-öffentlichen Interesse. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass der klassische Begriff des Ehrenamtes zunehmend ersetzt wird durch Freiwilligenarbeit oder Initiativen- und Projektarbeit. Während das klassische Ehrenamt vor allem sozialen und mildtätigen Zwecken diente, sind heute Selbstverwirklichung und gemeinnütziges Handeln zwei Seiten einer Medaille.
Ein Beispiel ist die Forderung nach einer aktiven Mitgestaltung des öffentlichen Raums. Der Wunsch, im eigenen Viertel den Traum vom gemeinschaftlichen Zusammenleben zu verwirklichen, gewinnt an Bedeutung und wird ergänzt durch die Notwendigkeit und die Bereitschaft, einen aktiven Beitrag dazu zu leisten, Städte und ländliche Räume nicht nur alten- sondern auch familienfreundlich zu gestalten. Ein Beispiel für diese Form des zivilgesellschaftlichen Engagements sind sicherlich die zahlreichen Bürgerstiftungen, die in den letzten Jahren gegründet wurden.
Bürgerstiftungen
Der „Arbeitskreis Bürgerstiftungen“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen hat zehn „Merkmale einer Bürgerstiftung“ entwickelt, die dazu dienen, Bürgerstiftungen von anderen Stiftungsformen abzugrenzen. Zentrale Merkmale einer Bürgerstiftung sind: Unabhängigkeit, Regionalität, Zusammenschluss mehrer Stifter, Unabhängigkeit (wirtschaftlich, politisch, konfessionell), langfristiger Vermögensaufbau, Partizipation und Transparenz. Bürgerstiftungen, die diese Kriterien erfüllen, können das Gütesiegel des Bundesverbandes beantragen. Mehr dazu im Internet: Deutsche Bürgerstiftung
Wiederkehr der Sozialutopien?
Stadtteilinitiativen wie in Köln die Initiative Südstadt 2030, das Ledo-Mehrgenerationenhaus in Niehl oder das Stellwerk 60 in Nippes setzen sich zum Ziel, öffentliche Räume zurückzugewinnen durch verkehrsberuhigte Zonen, die barrierefreie Gestaltung von Straßen und Plätzen und einen altersgerechten Umbau von Bestandswohnungen. Hausgemeinschaften als Fortsetzung der Kommunen in den 60er Jahren oder der Studenten-WGs der 70er-Jahre tragen somit zu einer neuen Form des nachbarschaftlichen Wohnens bei und stärken die Verantwortung jedes Einzelnen für und die Identifizierung mit dem Viertel. Die Sozialutopie vom gemeinsamen Leben und Arbeiten wird mit neuem Leben gefüllt: Gemeinsam im Veedel Altwerden heißt die Parole und lässt schon heute eine bunte Vielfalt alternativer, oft generationsübergreifender Wohn- und Lebensformen entstehen.
Der Anspruch auf Selbstverwirklichung, die Ablehnung institutioneller Zwänge, eine ungebrochene Experimentierfreudigkeit und der Wille, sich auch im Alter neu zu erfinden, verbinden sich im zivilgesellschaftlichen Engagement heute mit dem Anspruch, gesellschaftlich und politisch Einfluss zu nehmen und verändern so nachhaltig das klassische Ehrenamt.
Der neue Generationenvertrag
Demgegenüber zwingen der demografische Wandel, die Auflösung konventioneller Familienstrukturen und die daraus entstehende Single-Gesellschaft den Staat, neue Strategien für die Betreuung hilfebedürftiger Menschen zu entwickeln. Das bürgerschaftliche Engagement wird dabei - auch aus finanzpolitischen Gründen - immer wichtiger. Ein Problem ist dabei sicherlich, dass chronisch klamme Kommunen stärker als bisher in Versuchung geraten, sich ihrer Verantwortung zu entziehen und auch originär kommunale Aufgaben aus Kostengründen auf die Bürger übertragen.
Neue Konzepte des bürgerschaftlichen Engagements, wie das Freiwillige Soziale Jahr, das Freiwillige Ökologische Jahr und generationsoffenes bürgerschaftliches Engagement werden zu „wichtigen Grundpfeilern eines zivilgesellschaftlichen Generationenvertrags für Deutschland“ ernannt (Ursula von der Leyen) mit dem Ziel, einen höheren Grad an Verbindlichkeit im Engagement zu erreichen. Generationsübergreifende Freiwilligendienste und Mehrgenerationenhäuser sollen auf eine neue Form des Generationenvertrages vorbereiten. Dabei geht es weniger um finanzielle Transferleistungen von Jung nach Alt, als um bilaterale Leistungen aller Generationen in Form von Unterstützungs- und Hilfsdiensten.
Die Wirtschaft ist dabei
Gemeinsam mit Spitzenvertretern der Wirtschaft wird im Rahmen des neuen Projekts ZivilEngagement an einer neuen Plattform für Zivilgesellschaft in der Wirtschaft gearbeitet. Erklärtes Ziel ist es, Unternehmen dazu zu bringen, bürgerschaftliches Engagement stärker als bisher als Kriterium in der Personal- und Organisationspolitik zu verankern und die Zusammenarbeit mit den noch zu gründenden Zentren für Corporate Citizenship auszubauen. Das „freiwillige“ Engagement, so das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement auf seiner Internetseite, „rückt damit näher an die Erwerbsarbeit heran, der Grad an Freiwilligkeit wird kleiner.“
Corporate Citizenship
Der englische Begriff kennt keine deutsche Übersetzung und steht für eine neue Unternehmenskultur, die gesellschaftliche Verantwortung als Unternehmensziel festschreibt. Mit ehrenamtlichen Tätigkeiten, Sach- und Geldspenden, Sozialsponsoring und Unternehmensstiftungen engagieren sich schon heute mehr als 80 Prozent aller mittelständischen Unternehmen in ihrer Region. Mehr Informationen zum Thema Corporate Citizenship finden sie auf der Internetseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.
Als Senior-Experte rund um die Welt
Wie sehr sich schon heute das Altersbild verändert hat, zeigt die wachsende Anzahl an Ruheständlern, die sich als Senior Experten ins Ausland vermitteln lassen. Seit 1983 vermittelt beispielsweise der Bonner Senior Experten Service Fachkräfte für ehrenamtliche Auslandseinsätze nach Europa, Lateinamerika, Asien oder Afrika. Die gemeinnützige GmbH wurde unter der Schirmherrschaft des Deutschen Industrie- und Handelstages gegründet und wird heute durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanziert.
Rund 14.000 Einsätze in 152 Ländern konnte der SES seit seiner Gründung bereits vermitteln; mehr als 7.000 Senioren sind als Senior Experten registriert. Die Einsätze dauern meist zwischen vier bis zwölf Wochen, wobei die Auftraggeber nur die Kosten für Flug, Aufenthalt, Transport und Taschengeld bezahlen. Die Arbeit selbst ist ehrenamtlich. Ausdrücklich ausgenommen sind nach eigenen Angaben Einsätze in der Rüstungsindustrie und die Besetzung von Führungsfunktionen mit Senior Experten.
Durch ihre intensive Zusammenarbeit mit international agierenden Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz), dem Deutschen Entwicklungsdienst (ded) oder dem Centrum für internationale Migration und Entwicklung bietet die SES eine breite Auswahl an befristeten Einsätzen für ehrenamtliche Experten, wobei jedoch Handwerker, Ingenieure und Techniker bevorzugt gesucht werden.
Karriere im Ruhestand
Immer mehr Menschen entdecken die Vorteile, die eine befristete Tätigkeit als Silver Worker mit sich bringt. Gerade für ehemalige Führungskräfte sind die Aussichten, ohne Zwang noch einmal die eigene Erfahrungen einbringen zu können, attraktiv. Generation Erfahrung heißt das neue Zauberwort, mit dem die Rehabilitation des Alters eingeleitet wurde. Der Marktwert verdienter Führungskräfte a.D. wächst kontinuierlich und für manch einen erfüllt sich jetzt ein Lebenstraum: Arbeiten ohne Zwänge, so lange, wie und wo man will und dabei immer das gute Gefühl zu haben, wirklich gebraucht zu werden. Auch für Unternehmen rechnet sich der Einsatz, bekommen sie doch Expertenwissen zum günstigen Preis, ohne einen festen Platz in der Führungsetage einrichten zu müssen. Einziger Wehrmutstropfen: Als Silver Worker werden nur diejenigen reussieren, die nicht auf diesen attraktiven Zuverdienst angewiesen sind.
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